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06.07.2018 - 11:50
Ziemlich Sauer

Glasfaser-Ausbau: "Koalition der Willigen" schon am Ende?

Anbieter wirft Telekom Unglaubwürdigkeit vor

Das Glasfaser-Angebot der BBV Deutschland ist gegenüber der Telekom nicht so spannend. Die Telekom baute lieber ihr Bestandsnetz mit Vectoring aus.

Das Glasfaser-Angebot der BBV Deutschland ist gegenüber der Telekom nicht so spannend. Die Telekom baute lieber ihr Bestandsnetz mit Vectoring aus.
Screenshot: Teltarif.de

Richtig sauer auf die Deutsche Telekom ist die Breitbandversorgung Deutschland (BBV), die bundesweit über regionale Gesellschaften tätig ist und Privat- und Geschäftskunden direkt mit Glasfasern (FTTH, Fiber-to-the-Home) an das weltweite Internet anschließen möchte.

Koalition mit Füßen getreten?

Sie wirft der Deutschen Telekom vor, die "Koalition der Willigen" mit Füssen zu treten. Die Deutsche Telekom habe jetzt das BBV-Glasfasernetz in Bretten (bei Karlsruhe, Baden-Württemberg) trotz bestehendem Open Access und Wholebuy Angebot mit Vectoring "überbaut".

Die von Telekomchef Timotheus Höttges vor rund sechs Monaten eingeleitete Charmeoffensive und das Kooperationsangebot einer „Koalition der Willigen“ mit den in verschiedenen Breitbandverbänden organisierten Netzbetreibern beim Glasfaserausbau habe nicht lange gehalten. Im Gegenzug für Kooperationen habe sich die Telekom von der Politik erhofft, bei der Glasfaser aus der Regulierung herausgenommen zu werden.

Die Realität des Tagesgeschäfts beweise die Unglaubwürdigkeit des Unternehmens und seines Vorstandsvorsitzenden.

Telekom baut in Bretten lieber alleine

Aktueller Auslöser der Beschwerden ist ein Vorfall im badischen Bretten. Dort baut die BBV-Deutschland seit dem Sommer 2017 ein komplett privatwirtschaftlich finanziertes FTTH/B Glasfasernetz bis in die Haushalte auf. In der Mittelstadt in der Nähe von Karlsruhe will die Telekom nun trotz der bestehenden Angebote zu Open Access oder Wholebuy bis Ende des ersten Quartals 2019 rund 11 000 Haushalte massiv mit Vectoring (FTTC, über klassische Kupferleitung zwischen Schaltschrank und Haus) ausbauen. Dies habe die Telekom, die jahrelang beim Breitbandausbau einen riesengroßen Bogen um die Stadt gemacht habe, jüngst angekündigt. Dass dabei flächendeckende Glasfaserinfrastrukturen des größten Teils einer Stadt mit der nicht mehr zeitgemäßen Vectoring-Technik "überbaut" würden, fechte die Telekom nicht an.

BBV ist enttäuscht

„Es ist sehr schade, dass die Telekom und ihr CEO nicht zu ihrer angekündigten Kooperationswilligkeit stehen. Bretten ist mehr als ein Kollateralschaden, es ist der Beweis der eigenen Unglaubwürdigkeit im Einsatz für Regulierungsferien und den kooperativen Glasfaserausbau. Wer sich künftig mit der Telekom ins Bett legen möchte, sollte sich die Braut und deren Verhalten sehr genau anschauen. Die Bedenken unseres Unternehmens und vieler anderer Marktteilnehmer aus ganz Deutschland gegen die Höttges-Charmeoffensive, die Koalition der Willigen und die gewünschte Herausnahme aus der Regulierung sind mehr als gerechtfertigt. In Zeiten, in denen die neue Bundesregierung zu 100 Prozent auf die Glasfaser setzt, versucht die Telekom mit ihrer nicht mehr zukunftsfähigen Vectoring-Technik ohne Rücksicht auf Verluste und sinnfrei möglichst rasch noch viele Wettbewerber entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft aus dem Markt zu drängen“, zeigte sich BBV-Deutschland Chef Manfred Maschek mehr als erstaunt über die Ankündigung der Telekom. „Wir schaffen seit rund einem Jahr eine hervorragende flächendeckende Glasfaserinfrastruktur in Bretten, die bei den Haushalten und Gewerbetreibenden sehr gut ankommt. Unsere Philosophie ist Open Access. Einer möglichen Mitnutzung unserer Netzinfrastrukturen durch die Telekom stehen wir positiv gegenüber, da diese für alle Beteiligten wirtschaftlich sehr viel Sinn macht.

Keine Gespräche zustande gekommen

Doch entgegen den Höttges-Ankündigungen für Kooperationen mit bestehenden Netzen scheint es bei der Telekom noch nicht einmal eine ernsthafte Whole-Buy-Strategie zu geben, stellt der BBV-Vorstand fest. "Denn bis heute wollte noch kein Unternehmensvertreter mit uns sprechen. Dabei könnte die Telekom, an der der Bund zu immer fast einem Drittel beteiligt ist, durch eine Kooperation mit uns viel Geld sparen. Die angedachten Investitionen sollten besser dort getätigt werden, wo diese sinnvoll sind und wirklich dringend benötigt werden“, so Maschek weiter.

Die BBV Deutschland errichtet und betreibt über ihre Tochter BBV Rhein-Neckar seit Juni 2017 in Bretten in fünf Stadtteilen und demnächst auch in der Kernstadt von Bretten ein flächendeckendes Glasfasernetz. Die Investitionen in Höhe rund 15 Millionen Euro werden von dem Unternehmen mit dem Partner Primevest Capital Partners komplett privatwirtschaftlich finanziert.

Wer ist BBV?

Die bundesweit tätige Breitbandversorgung Deutschland (BBV) schließt nach eigenen Angaben Privat- und Geschäftskunden direkt mit Glasfasern (FTTH, Fiber-to-the-Home) an das weltweite Internet an. Eigentümer der BBV ist der RiverRock European Opportunities Fund, ein auf kleine und mittlere Unternehmen spezialisierter Investor mit Fokus auf Deutschland und Westeuropa. Als Schwerpunkt des Netzwerkausbaus nennt das Unternehmen unterversorgte, ländlichen Gebieten ohne ausreichende Breitbandanbindungen. Als Kernkompetenzen gibt das Unternehmen Planung, Aufbau und Vermarktung leistungsstarker und zukunftsweisender FTTH (Fiber-to-the-Home) Produkte und Netze an.

Eine Einschätzung:

Das Wort "überbauen" sorgt beim nicht so im Detail steckenden Betrachter für Emotionen, als würde die Telekom die verlegte Glasfaser zerstören oder unbrauchbar machen. Das ist aber gar nicht der Fall. Sie verlegt ihre Kabel einfach parallel zu denen der Konkurrenz, der Kunde kann sich heraussuchen, wo er angeschlossen werden möchte. Warum die Deutsche Telekom das Angebot der BBV nicht annehmen wollte, wissen wir nicht (eine Bitte zur Stellungnahme wurde aus Bonn noch nicht beantwortet, wir reichen sie nach, wenn sie vorliegt).

Sicher wäre es für BBV schön gewesen, wenn die Telekom die Leerrohre mit oder ohne Glasfaser gleich "gemietet" hätte oder man sich auf ein gemeinsames Netz-Modell geeinigt hätte. Nun ist die Telekom aufgeschreckt ("Oh die Konkurrenz baut vor Ort...") und setzt die klassische Kupfertechnik (DSL-Vectoring) daneben, die sich relativ kostengünstig mit der bereits existierenden Verkabelung kombinieren lässt.

Am Ende entscheidet der Preis

Laut Homepage der BBV soll ein Glasfaser-Basis-Anschluss mit 100 MBit/s (down) und 10 MBit/s (up) ("Optimax") 40 Euro im Monat kosten. Wer es schneller will, bekommt 200 MBit/s für 65 Euro und 300 MBit/s für 90 Euro im Monat, mehr Upstream gibt es aber nicht.

Zum Vergleich: Die Deutsche Telekom kann mit Vectoring DSL locker 40 MBit/s Upstream und 100 Mbit Downstream liefern (wenn die Kabel kurz genug sind) und liegt preislich dann bei 44,95 Euro pro Monat (Tarif Magenta Zuhause L, ohne Router, in der Startphase noch günstiger)

Solche Preise dürften am Ende dazu führen, dass viele Kunden lieber bei der Telekom bleiben oder bewusst dorthin wechseln und das Angebot des neuen für sie unbekannten Anbieters nicht weiter beachten. Das verhagelt natürlich die Kalkulation des alternativen Anbieters gewaltig und kann im Extremfall dazu führen, dass am Ende gar nichts gebaut wird.

Das wäre der Telekom sicherlich auch nicht unrecht, denn in deren DNA ist immer noch die "Deutsche Bundespost mit gesetzlichem Versorgungsauftrag" tief verankert. Dem stehen längst die Kostenrechner gegenüber, denen ein flächendeckender Sofortausbau "völlig unbezahlbar" erscheint. Zudem es ja staatliche Subventionen geben kann, die man gerne mitnehmen möchte, doch der Weg dahin ist holprig.

Der Kunde, um den es geht, bleibt am Ende ratlos zurück.


© WhatsBroadcast

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