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19.03.2020 - 16:03
Netzüberlastung

Deutschland, Schweiz, Spanien: Sind die Netze überlastet?

Schweizer Störungsursachen schon gefunden

Viele Länder in Europa sind dabei, den "Lock­down" durch­zuführen. Eine wesent­liche "Neben­wirkung" wird die stär­kere Nutzung der Kommu­nika­tions­netze sein. Am letzten Montag, so berichtet die renom­mierte Neue Züri­cher Zeitung (NZZ), sei es in der Schweiz bei Anrufen über Mobil­funk oder Fest­netz immer wieder zu Unter­brechungen gekommen.

Infra­struktur stärker belastet

Stau an den Landesgrenzen. Könnte es auch zum Stau im Internet kommen?

Stau an den Landesgrenzen. Könnte es auch zum Stau im Internet kommen?
Foto: Picture Alliance / dpa

Als Grund nannte Swisscom die "enorm gestei­gerte Belas­tung der Infra­struktur". Es seien dreimal mehr Anrufe über das Mobil­funk­netz verzeichnet worden, als an normalen Tagen. Auch im Fest­netz sei das Volumen massiv gestiegen. In einer gemein­samen Erklä­rung von Swisscom und Sunrise werden die Ausfälle mit Über­lastung an den Netz­über­gangs­punkten (zwischen den Netzen) begründet. Diese Über­gangs­punkte wurden jetzt verstärkt.

Beim Daten­netz gebe es zwar noch Reserven, wird eine Swisscom-Spre­cherin zitiert: "Aktuell sehen wir noch genü­gend Kapa­zität in der Daten­netz-Infra­struktur." Home-Office-Anwen­dungen benö­tigen - vergli­chen mit Strea­ming-Anwen­dungen wie Swisscom TV, Amazon Prime, Disney oder Netflix - nur einen Bruch­teil des Gesamt­verkehrs. Da werden Mails verschickt oder viel­leicht gechattet. Strea­ming bindet deut­lich mehr Kapa­zitäten.

Doch offenbar könnte es auch hier Probleme geben, weil das Nutzungs­verhalten der Kunden kaum vorher­sehbar sei, befürchtet man bei der Swisscom. Das Unter­nehmen appel­liert auf seiner Home­page an die Nutzer, die "Tele­kommu­nika­tions­netze verant­wortungs­voll" zu nutzen. Trotz des aktu­ellen Kapa­zitäts­ausbaus könne es nach wie vor punk­tuell zur Über­lastung kommen – entschei­dend sei das Verhalten der Bevöl­kerung.

Regie­rung könnte Video-Strea­ming blockieren

Aus gutem Grund: Hinter den Kulissen haben bereits Gespräche zwischen der Schweizer Regie­rung und den Tele­kommu­nika­tions­anbie­tern statt­gefunden. Der Schweizer Bundesrat (=Bundes­regie­rung) fordere dazu auf, die Dienste der Tele­komfirmen zurück­haltend zu nutzen. Dazu gehörten insbe­sondere daten­inten­sive Dienste wie die Über­tragung von Video-Dateien. Es gehe darum, die Ressourcen für die wich­tigen Dienste frei­zuhalten. Und die Drohung ist massiv: "Sollten gravie­rende Engpässe entstehen, hat der Bund die Möglich­keit, nicht versor­gungs­rele­vante Dienste einzu­schränken oder zu blockieren."

Insider glauben, dass das nichts bringen würde. Die Probleme lägen bei der Swisscom tiefer und seien älter. Kriti­siert werden immer wieder eine jahre­lange rigide Spar­politik, weil eine stabile robuste und zuver­lässige Tele­kommu­nika­tions­infra­struktur vor allen Dingen viel Geld und erfah­renes Personal braucht und im Zeit­alter von Börsen­kursen und "Share­holder Value" nicht mehr "sexy" ist. Das ist aber im Grunde kein typisch schwei­zeri­sches Problem, sondern besteht welt­weit mehr oder weniger in ähnli­cher Dimen­sion.

Frank Dede­richs (Swisscom) erklärt die Hinter­gründe

Im Inter­view betont Frank Dede­richs, bei Swisscom in der Bereichs­leitung für IT, Netze und Infra­struktur tätig, dass Redun­danz ("der Reser­vereifen") es alleine nicht sei. Man brauche auch Reifen, die ohne Luft noch eine Weile laufen können ("Resi­lienz").

Dede­richs weiter: "Die Abstände zwischen Soft­ware-Updates sind kürzer geworden, und die Lebens­dauer der Hard­ware nimmt ab. Zudem muss das Netz ständig ausge­baut werden, um mit der wach­senden Daten­menge und vielen anderen Anfor­derungen fertig zu werden. Die Geschwin­digkeit, mit der wir Ände­rungen an unseren Systemen vornehmen müssen, hat sich deshalb massiv erhöht. Heute stehen wir bei mehr als 4000 Ände­rungen pro Woche an unseren Systemen und dabei sind Fehler leider nie restlos auszu­schließen."

In einer Nacht wurden bei mehreren kriti­schen Netz-Kompo­nenten gleich­zeitig ein Soft­ware-Update einge­spielt, weil das Risiko als gering einge­schätzt wurde. Jetzt weiß man: Besser wäre eine Umstel­lung in zwei Nächten bei je der Hälfte der Kompo­nenten gewesen.

Ist Spanien über­lastet?

Aus Spanien kommt die Meldung, wonach die dortigen Anbieter ihre Kunden "zur vernünf­tigen und verant­wortungs­vollen Nutzung der Tele­kommu­nika­tions­netze" aufge­rufen hätten, um die "Verkehrs­explo­sion" bewäl­tigen zu können. Dabei verfügt Spanien inter­national gesehen, über eine recht gut ausge­baute digi­tale Infra­struktur. Spanien, Skan­dina­vien oder die balti­schen Staaten sind euro­paweit am besten mit Glas­faser erschlossen. Die Schweiz liegt weit dahinter (und Deutsch­land noch weiter).

Wie geht Daten­spar­samkeit?

Die spani­schen Empfeh­lungen könnten nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutsch­land eines Tages auftau­chen: "Zu Büro­zeiten soll die Kapa­zität Leuten vorbe­halten sein, die im Home-Office oder beim E-Lear­ning auf das Internet ange­wiesen sind. Um nicht mit "Frei­zeit­verkehr" die Netze zu verstopfen, soll auf Online-Video­spiele oder Strea­ming-Dienste zu Stoß­zeiten verzichtet werden.

Das Herun­terladen großer Dateien will über­legt sein, nicht jeder instal­liert eine neue Linux Distri­bution oder lädt ein System­backup aus dem Netz, aber auch das Herun­terladen eines Films in Blue-Ray-Qualität braucht Leis­tung.

Die Spanier empfehlen, statt des mobilen Tele­fons das Fest­netz­telefon zu verwenden. Bei Tele­fonkon­ferenzen solle auf die Video-Funk­tion verzichtet werden.

Auch in Deutsch­land könnten Netflix und Co. im Notfall abge­schaltet werden. Mehr dazu lesen Sie in einer weiteren News.

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