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11.02.2020 - 12:44
Reizthema

Fotos sind die neuen Fingerabdrücke

Nicht alles, was möglich wäre, ist erlaubt.

In Fern­sehkrimis ist es heute noch oft die erste Frage des Kommis­sars am Tatort: "Finger­abdrücke?" Dabei sind Fotos und Videos nach Auffas­sung von Experten ebenso wichtig - mindes­tens.

In Berlin hat Bundes­innen­minister Horst Seehofer (CSU) kürz­lich einen umstrit­tenen Refe­renten­entwurf zu einer Video­über­wachung, die Gesichter auto­matisch erkennt, in aller­letzter Minute gestoppt. Die umstrit­tene Soft­ware "Clear­view" will das komplette Internet nach Fotos durch­suchen, und in Hamburg streitet die Polizei mit Daten­schüt­zern um die "Krawall­macher"-Suche auf Videos rund um den G20-Gipfel.

Bleibt ein heißes Eisen

Mit Gesichtserkennungssoftware ließe sich eine quasi flächendeckende Überwachung aller registrierten Personen realisieren. Ein Reizthema.

Mit Gesichtserkennungssoftware ließe sich eine quasi flächendeckende Überwachung aller registrierten Personen realisieren. Ein Reizthema.
Foto: Picture Alliance / dpa

Das Thema Gesichts­erken­nung ist und bleibt ein heißes Eisen. Dabei werden heute schon Hunderte Krimi­nalfälle in Deutsch­land per Algo­rithmus geklärt, der Gesichter erkennt - Tendenz weiter stei­gend.

Nach Ansicht des baye­rischen Landes­krimi­nalamtes (LKA) könnte die Zahl der Erfolgs­fälle noch viel höher liegen, wenn die bishe­rigen Möglich­keiten konse­quenter ausge­schöpft würden - ganz unab­hängig davon, was man in Zukunft dürfe oder machen könne. "Das, was wir dürfen, nutzen wir nicht optimal aus", sagt Bern­hard Egger, Leiter der Abtei­lung Zentrale Krimi­nalpo­lizei­liche Dienste/Cyber­crime beim LKA, das sich in Sachen poli­zeiliche Gesichts­erken­nung in einer Vorrei­terrolle sieht.

Gesichts­erken­nung findet doppelt so viele Straf­täter

2019 kam die Polizei in Bayern per Gesichts­erken­nungs­programm mehr als doppelt so vielen Straf­tätern auf die Schliche als im Jahr davor. Insge­samt 387 Täter wurden nach LKA-Angaben im vergan­genen Jahr auf diese Art und Weise iden­tifi­ziert. Im Jahr 2018 waren es nur 146 und 2010 sogar nur zehn Fälle. Und es geht weiter nach oben: Allein im Januar 2020 wurden nach Angaben des Leitenden Krimi­naldi­rektors Egger schon 55 Iden­titäten mithilfe eines Algo­rithmus geklärt. Egger führt diese Stei­gerung vor allem auf bessere Technik zurück.

600 000 Euro hat das LKA seit 2018 in den Ausbau seiner Gesichts­erken­nung gesteckt. Das Programm könne heute viel schlech­tere Fotos verar­beiten als früher. "Wir können jetzt Bilder auswerten, die wir uns vor zwei Jahren noch nicht einmal ange­schaut haben."

12 Jahre Erfah­rung

Seit zwölf Jahren nutzt das LKA inzwi­schen schon die Möglich­keit, Bild­mate­rial, auf dem unbe­kannte mutmaß­liche Täter zu sehen sind, mit Fotos aus einer Straf­täter-Daten­bank des Bundes­krimi­nalamtes (BKA) abzu­glei­chen. Der Algo­rithmus misst dabei beispiels­weise und unter anderem die Abstände zwischen Nase und Mund und filtert so die Menschen aus der Daten­bank heraus, bei denen es sich um den Gesuchten handeln könnte. Gesichts­experten glei­chen die Bilder dann noch einmal ab, um auf Nummer sicher zu gehen.

"Es gibt heute an jedem Tatort so viele Bilder wie Finger­abdrücke", sagt Egger. "Das Finden von Bild­spuren wird immer wich­tiger." Es sei darum so wichtig, alle Ermittler dafür zu sensi­bili­sieren: "Ich will, dass irgend­wann jeder Kollege über­legt: Wo ist rele­vantes Bild­mate­rial?"

Unter­schied­lich in den Bundes­ländern

Die einzelnen Bundes­länder seien in der Sache sehr unter­schied­lich weit, sagt Egger. Wie viele Vergleichs­anfragen an die BKA-Daten­bank es insge­samt im vergan­genen Jahr gab, teilte das Bundes­krimi­nalamt auf Anfrage nicht mit. Nach LKA-Angaben liegen die bundes­weiten Zahlen immer erst später im Jahr vor. Nach Angaben der Bundes­regie­rung recher­chierte allein die Bundes­polizei im ersten Halb­jahr 2019 rund 1200 Mal im Gesichts­erken­nungs­system des BKA und iden­tifi­zierte dabei 219 Menschen.

Vergleichbar mit Über­wachungs­systemen wie der umstrit­tenen Soft­ware "Clear­view", die das Internet akri­bisch nach Fotos durch­forstet, ist das, was die Polizei da bislang tut, nicht. Das sagt auch Bayerns oberster Daten­schützer Thomas Petri, der dem LKA-Verfahren seinen Segen gegeben hat. "Das ist eine konkrete Daten­bank, die bei einem konkreten Tatver­dacht durch­sucht werden kann", sagt Petri. "Das ist etwas völlig anderes als das, was in Berlin disku­tiert wurde oder worum in Hamburg gestritten wird." Es entspreche "aus gutem Grund der stän­digen Recht­spre­chung, dass so etwas wie eine flächen­deckende, anlass­freie Massen­daten­erhe­bung als schwer­wiegender Eingriff betrachtet wird, der im Wider­spruch zu unserer Werte­ordnung steht", betont Petri. Es dürfe nicht sein, dass "jeder, der an einer Kamera vorbei­läuft, sich kontrol­liert fühlt und auch kontrol­liert fühlen muss", betont er. "Wenn wir so etwas machen, ist es eine Frage der Zeit, bis wir chine­sische Verhält­nisse kriegen."

System nicht ganz fehler­frei

Im Übrigen sei aber auch das LKA-System nicht ganz ohne Makel. "Die Polizei ist nicht frei von Fehlern. Wir haben so viele Fälle, in denen die Polizei Leute, bei denen der Verdacht ausge­räumt ist, immer noch in ihrer Kartei führt." Tatsäch­lich ist die Zahl der Fotos in der zentralen Poli­zeida­tenbank in drei­einhalb Jahren um rund eine Million Fotos gestiegen, wie aus einer Ende Januar veröf­fent­lichten Antwort der Bundes­regie­rung auf eine Anfrage des Innen­experten Andrej Hunko (Linke) hervor­geht. Im Mai 2016 waren demzu­folge noch rund 4,86 Millionen Licht­bilder von 3,34 Millionen Menschen einge­stellt, aktuell sind es mehr als 5,8 Millionen Bilder. Hunko sah daraufhin bei der Polizei einen "regel­rechten Daten­hunger".

In einem Kommentar stellt die in München erschei­nende "Süddeut­schen Zeitung" fest: Diese Technik ist zu gefähr­lich. Eine obskure US-Firma hat kürz­lich unge­fragt rund drei Milli­arden Gesichts-Fotos aus sozialen Netz­werken kopiert und die Samm­lung mehr als 600 Behörden ange­boten.

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dpa /

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