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29.12.2018 - 10:01
Stadtlabor

Moskau testet "smarte Stadtteile" unter realen Bedingungen

2044 Haushalte im Moskauer Stadtteil Maryino beteiligt

Die Moskauer Stadt­re­gie­rung hat in einem bereits länger exis­tie­renden Stadt­teil der Millionen-Metro­pole einen "smarten Distrikt" einge­richtet. Dort wollen die Behörden "Spit­zen­tech­no­lo­gien für die Stadt­ent­wick­lung in einer bestehenden Nach­bar­schaft" testen. Die Ergeb­nisse sollen dann ausge­wertet und in künf­tige Projekte wie die Moskauer Stadt­er­neue­rung fließen.

Der "intel­li­gente Stadt­be­zirk" solle ein "leben­diges Labor für intel­li­gente Tech­no­lo­gien in der Stadt" werden. Dazu hat man sich eine Umge­bung mit etwa 8000 Einwoh­nern heraus­ge­sucht. Ziel ist es, die Akzep­tanz bestimmter Verfahren bei der Bevöl­ke­rung zu testen. Was wird wirk­lich genutzt und wie oft?

Smartes Wohn­ge­biet in Maryino

Die Stadt Moskau probiert smarte Vernetzung im Stadtteil Maryino aus.

Die Stadt Moskau probiert smarte Vernetzung im Stadtteil Maryino aus.
Foto: DIT Moskau

Im April 2018 begannen die Behörden mit dem Aufbau der neuen Technik in ausge­wählten Gebäuden im Bezirk Maryino im Südosten von Moskau. Dieser Stadt­teil umfasst sieben Wohn­ge­bäude, die zwischen 1996 und 1998 errichtet wurden. Jedes Wohn­ge­bäude ist etwas anders gebaut, der gesamte Komplex beher­bergt 2044 Apart­ments auf einer Grund­fläche 105.000 Quadrat­me­tern. Jedes Apart­ment hat somit im Schnitt etwa 50 Quadrat­meter Wohn­fläche, ein in russi­schen Groß­städten durchaus übli­cher Wert.

Inter­es­san­ter­weise neigen die Planer bei der Einfüh­rung neuer Technik dazu, ganz neu erbaute oder leere bzw. verlas­sene Gebiete auszu­wählen, um dort von Grund neu anzu­fangen. Das kann oft schneller, einfa­cher oder kosten­güns­tiger sein. In Moskau wollte man erfor­schen, was in einer bereits bestehenden Wohnungs­um­ge­bung mit moderner Tech­no­logie heute schon möglich ist. Dabei ging man sehr prag­ma­tisch vor: In realer Umge­bung erprobte Tech­no­lo­gien sind schneller an das Leben moderner Bürger anpassbar. Jetzt erhalten die Projekt-Entwickler sofort Rück­mel­dungen und können die Anfor­de­rungen der Betrof­fenen in Echt­zeit ändern, um schließ­lich die Akzep­tanz zu erhöhen.

Die neuen Systeme betreffen beispiels­weise Heizung, Beleuch­tung oder Abfall­samm­lung. Ausge­wählte Wohn­ge­bäude wurden mit bis zu 29 verschie­denen "intel­li­genten" Tech­no­lo­gien ausge­stattet.

Im Rahmen des Projekts wurde die erste Lade­sta­tion für Elek­tro­fahr­zeuge in einem Moskauer Wohn­viertel instal­liert - sie ist bereits zur belieb­testen Lade­sta­tion für Elek­tro­fahr­zeuge in der Stadt geworden. Vor Ort steht den Einwoh­nern und Besu­chern ein kosten­freies WLAN zur Verfü­gung. Jeder Bewohner kann eine kosten­lose mobile Anwen­dung auf seinem Smart­phone instal­lieren, um die Besu­cher an der Klingel-Sprech­an­lage im Haus zu beant­worten, auch wenn er selbst gar nicht zu Hause ist, oder seine Haustür ohne Schlüssel direkt vom Handy zu öffnen.

Schö­nere Instal­la­tion

Inter­es­san­ter­weise wurden alle Kabel für Außen­be­leuch­tung, Strom­ver­sor­gung, Wi-Fi-Router, Über­wa­chungs­ka­meras oder Notfall-Laut­spre­cher in den Unter­grund verlegt, "um den Himmel über dem Stadt­teil frei­zu­be­kommen", wie es blumig in einer Pres­se­mit­tei­lung der IT-Abtei­lung der Stadt Moskau heißt. Die bisher übliche Frei­luft­ver­ka­be­lung ist zwar schnell montiert, sieht aber auf die Dauer nicht schön aus, ist außerdem unzu­ver­lässig und unsi­cher.

Mobil­funk­an­bieter Beeline mit im Boot

Der russi­sche Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­be­treiber Beeline hat in Maryino eine Test­um­ge­bung für IoT-Lösungen aufge­baut, verwendet wird das LTE-basie­rende NB-IoT-System von Ericsson. Die Test­ver­sion ermög­licht den Anschluss von bis zu 10.000 Geräten pro Basis­sta­tion. Ericsson hat zwei Stationen inner­halb der Test­zone mit einem Kilo­meter Radius instal­liert.

Smart City - Licht und Schatten

Moderne Groß­städte mit vielen Einwoh­nern auf kleiner Fläche sind auf die Dauer nur durch moderne Technik orga­ni­sierbar. Ein nicht zu unter­schät­zender Neben­ef­fekt für Regie­rung und Verwal­tung ist die Möglich­keit, genauer mitzu­be­kommen, was ihre Bürger so tun oder nicht tun oder wo der Schuh drückt. Bis zu einem gewissen Grade ist das nach­voll­ziehbar und sinn­voll, aber es muss klar sein, dass irgend­wann auch die Privat­sphäre betroffen sein könnte.

Neue Technik deswegen zu verteu­feln oder abzu­lehnen, ist auch keine Lösung. Eher die Technik zu kennen und zu verstehen und zu wissen, wo Vorteile und Nach­teile liegen. Einfa­ches Beispiel aus Deutsch­land: in Bayern sollten neue "Funk­was­ser­zähler" alle 10 Minuten (!) den aktu­ellen Wasser­ver­brauch über Funk melden, damit die "Ableser" des Versor­gers schon vor der Haus­türe infor­miert sind. Mit diesen Infor­ma­tionen könnte man genaue "Profile" der Bewohner eines bestimmten Hauses erstellen ("ist über­haupt jemand zu Hause?"), die für eine jähr­liche Wasser­rech­nung absolut unnötig oder für den Eigen­tümer sogar gefähr­lich sind. (Poten­zi­elle Einbre­cher wüssten genau, wann jemand im Haus ist.) Längere Zyklen würden hier also durchaus ausrei­chen. Sollte der Verdacht eines Wasser­rohr­bruchs auftreten, könnten diese Zyklen verrin­gert werden, um Anhalts­punkte zu erhalten. So hat jede Tech­no­logie ihre Vor- und Nach­teile.


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