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16.02.2020 - 14:03
Streaming

Streaming: Exodus des linearen Fernsehens

Bricht die letzte Dekade für ARD, ZDF, RTL & Co. an?

Es gab Zeiten, in denen konnte man sich in der Fern­sehbranche förm­lich eine goldene Nase verdienen. Vor allem ab Ende der 1980er-Jahre star­tete das Privat­fern­sehen in Deutsch­land richtig durch und zog wie ein Magnet Zuschauer vom ange­staubten Programm der öffent­lich-recht­lichen Sender ab. Beson­ders im fiktio­nalen Bereich rund um US-Serien und Filme bluteten ARD und ZDF regel­recht aus, da seiner­zeit viele Lizenzen beim Film­händler Leo Kirch lagen. Dessen Medi­enim­perium wuchs in den folgenden Jahren immer weiter an, bis schließ­lich 2002 die Insol­venz und Zerschla­gung folgte.

Wie stark sich dieser neue Konkur­renz­druck auf bestehende Struk­turen auswirkte, kann man noch heute gut beob­achten. Die öffent­lich-recht­lichen Sender "kopieren" quasi alles von den Privaten, was irgendwie nach Einschalt­quote aussieht und stellen damit ihren eigenen Grund­versor­gungs­auftrag infrage. Doch heute sind auch die Privat­sender bedroht, denn neue Konkur­renz kommt aus dem Netz. Eines ist dabei klar: Der Druck von Netflix, Amazon & Co. ist weitaus stärker als derje­nige, welcher Ende der 1980er auf die öffent­lich-recht­lichen Sender ausgeübt wurde. Diesmal steht das lineare Fern­sehen insge­samt vor dem Abgrund.

"Demo­krati­sierung" des Programms

Lineares Fernsehen steht vor einer unsicheren Zukunft

Lineares Fernsehen steht vor einer unsicheren Zukunft
Foto: dpa

Eine große Stärke von Strea­ming ist es, Zuschauern die Kontrolle über das Programm zu geben. Nicht Netflix und Amazon, sondern der Zuschauer entscheidet, welcher Content läuft. Er wählt letzt­endlich aus einem riesigen Angebot an attrak­tiven Inhalten aus. Das können lineare Sender schlicht und einfach nicht bieten. Hier muss sich der Zuschauer sozu­sagen zwangs­weise nur mit Inhalten "berie­seln" lassen, welche ihnen Programm­planer in den Chef­etagen der Sender vorsetzen.

Das zweite Problem: Eben diese Inhalte sind zumeist auch vergleichs­weise unat­traktiv und spre­chen die jüngere Genera­tion über­haupt nicht mehr an. Das Durch­schnitts­alter der Zuschauer von ARD und ZDF liegt mitt­lerweile jenseits der 60 Jahre. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren vermut­lich sogar noch weiter verschärfen. Hinzu kommt, dass nicht nur an einem Groß­teil der Gesell­schaft "vorbei­gesendet" wird, sondern die Zuschauer auch noch zwangs­weise (und nicht wenig) dafür zahlen müssen. Es liegt auf der Hand, dass dies die Sympa­thien für "klas­sisches" lineares Fern­sehen in der Mehr­heits­bevöl­kerung nicht unbe­dingt fördert.

Vola­tile Geschäfts­modelle

Das Geschäfts­modell der großen Privat­sender hat sich bis heute nicht wesent­lich verän­dert. Medi­enun­ternehmen wie RTL und ProSiebenSat.1 sind nach wie vor haupt­säch­lich von klas­sischen Werbe­einnahmen abhängig. Auch hier gibt es aber zwei große Probleme: Erstens brechen Werbe­einnahmen in Phasen der Rezes­sion weg, zwei­tens wollen viele Zuschauer auch schlicht und einfach keine Werbung mehr sehen. Und eben diesen Wunsch erfüllen (gegen Monats­gebühr) wiederum Strea­ming-Dienste. Mitt­lerweile kündigen sich neue, werbe­finan­zierte Streamer wie IMDb TV von Amazon an. Diese Anbieter sind zudem in der Lage, wesent­lich ziel­genauere Werbung zu adres­sieren. In Konse­quenz werden sich Unter­nehmen noch genauer über­legen, wie sie ihre Marke­ting-Budgets verteilen. Es ist davon auszu­gehen, dass auch dies klar und deut­lich zulasten linearer Fern­sehsender gehen wird.

Sogar Sport kommt aus dem Web

Selbst der Sport als ehema­lige TV-Domäne verab­schiedet sich zuneh­mend ins Internet. Ein Beispiel hierfür ist der Streamer DAZN, welcher sich bereits wesent­liche Sport­rechte insbe­sondere im Bereich Fußball von Sky gesi­chert hat. Auch Amazon will sein Angebot an Live-Sport für Prime-Mitglieder ausbauen. Was dem linearen Fern­sehen am Ende noch wirk­lich bleibt, sind Shows und Infor­mationen.

Aller­dings sehen sich die Sender auch in diesem Bereich mit zuneh­mender Kritik durch Zuschauer konfron­tiert. Dabei geht es vor allem um den Vorwurf, mangelnder poli­tischer Ausge­wogen­heit und wenig anspruchs­voller Unter­haltung. Es sind somit viele Baustellen, an denen gear­beitet werden muss, um das lineare Fern­sehen mit Erfolg auch noch in die nächste Dekade zu führen. Nach jetzigem Stand der Dinge ist dazu ein gewal­tiger Kraftakt nötig, welchen die Sender insbe­sondere mit ihrer jetzigen Struktur kaum stemmen können.

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Björn König

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