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30.09.2019 - 15:53
Gutscheine

Gutachter: Gutscheine könnten Glasfaserausbau ankurbeln

Vereine haben sich wissenschaftlichen Rat geholt

Dass Glas­faser die Zukunft des Inter­nets ist und die Auffahrt auf die Daten­auto­bahn am besten auch per Glas­faser ins Haus oder besser bis an den Schreib­tisch erfolgen sollte, ist längst bekannt. Bleibt die Frage, wie man Schwung in die Geschichte bekommen könnte, denn der Aus- und Umbau ist teuer und viele Kunden sind mit ihren Kupfer­anschlüssen völlig zufrieden. Daher sehen sie nicht ein, wofür der Vorgarten aufge­graben oder ein extra Loch ins Funda­ment gebohrt werden soll. Auch braucht man für die Glas­faser­verle­gung die erneute Zustim­mung des Haus- und Grund­stücks­besit­zers, was im Einzel­fall ziem­lich schwierig werden kann, wenn die Eigen­tums­verhält­nisse kompli­ziert sind.

Die Idee: Gutscheine

Um Glasfaser bis in die Häuser zu bekommen, braucht es Anreize. Vielleicht mit Gutscheinen?

Um Glasfaser bis in die Häuser zu bekommen, braucht es Anreize. Vielleicht mit Gutscheinen?
Foto: Deutsche Glasfaser

Die Idee sind Gutscheine (englisch "Voucher"). Glas­faser-Gutscheine für Bürger und Unter­nehmen seien ökono­misch sinn­voll und notwendig, um die Nach­frage nach zukunfts­sicheren Glas­faser­anschlüssen zu stärken und so den weiteren Glas­faser­ausbau zu forcieren. Das ist das Ergebnis eines heute vorge­stellten Gutach­tens des Leibniz-Zentrums für Euro­päische Wirt­schafts­forschung (ZEW) und der Kanzlei JUCONOMY Rechts­anwälte im Auftrag der Tele­kommu­nika­tions­verbände, BREKO (Breit­band­kommu­nika­tion) und VATM (Verband der Anbieter von Tele­kommu­nika­tions- und Mehr­werdienst­leis­tungen).

Mit den Gutscheinen soll die Nach­frage nach Glas­faser­anschlüssen bis in die Gebäude und direkt in die Wohnungen ange­kurbelt und der weitere Glas­faser­ausbau deut­lich forciert werden. Diese Gutscheine seien nicht nur recht­lich zulässig, sondern auch ökono­misch sinn­voll und notwendig.

Drei Gutschein-Typen

Die Spezia­listen haben ein vom BREKO und VATM vorge­schla­genes Modell aus drei unter­schied­lichen Gutschein-Vari­anten unter­sucht.

Gutscheine an Bürger und Unter­nehmen

Die vorge­schla­genen Gutscheine sollen sich insbe­sondere an Bürger und Unter­nehmen in Gebieten richten, in denen die Planung für den Glas­faser­ausbau (FTTB/FTTH) gerade erfolgt und die Glas­faser­verle­gung ansteht. Durch die Nach­frage-Voucher sei absehbar, dass die Gebiete zum Nutzen der Endkunden schneller und in verstärktem Maße erschlossen werden. Durch die „Erhö­hung der Nach­frage (könne) eine even­tuell bestehende Wirt­schaft­lich­keits­lücke entfallen“, so die Experten.

Unbü­rokra­tisch verge­bene Glas­faser-Gutscheine könnten kurz­fristig dazu beitragen, Glas­faser-Ausbau­projekte umzu­setzen, die ansonsten ohne weitere Förder­mittel wirt­schaft­lich nicht rentabel reali­sierbar wären.

Die Idee ist schon gut gedacht: Durch eine höhere Auslas­tung der Glas­faser­netze stehen dem ausbau­enden Netz­betreiber in der Folge wieder mehr Inves­titi­onsmittel für den weiteren Glas­faser­ausbau zur Verfü­gung – eine Win-Win-Situa­tion für Carrier und Nutzer; Haus­eigen­tümer profi­tieren nicht zuletzt auch von einer Wert­stei­gerung ihrer Immo­bilien.

Open-Acess

Um den "Wett­bewerb zu erhalten" und andere Anbieter nicht auszu­schließen, setzt das von BREKO und VATM vorge­schla­gene Modell auf eine "Open-Access-Verpflich­tung", wodurch Dritte einen Netz­zugang zu fairen Bedin­gungen erhalten. Sprich: Wer zu erst seine Glas­faser verlegt, soll eine Art Monopol erhalten, so dass ein zweiter Anbieter dann keine "paral­lele" Glas­faser zum Kunden legen darf. Im Gegenzug muss der Erst­ausbauer seine Faser auch anderen Anbie­tern vermieten. Falls im Streit um die Höhe der Kosten keine Eini­gung erzielbar ist, müsste die Bundes­netz­agentur den Schieds­richter spielen. Das könnte ein Wett­lauf der Anbieter auslösen, die sich dabei ausrechnen, mehr Geld einnehmen zu können, wenn sie als "erster" ihre Glas­faser ins Haus bringen und andere Anbieter als Mieter ihrer Einrich­tungen wissen.

Appell an die Regie­rung

BREKO-Geschäfts­führer Dr. Stephan Albers und VATM-Geschäfts­führer Jürgen Grützner appel­lieren daher an die Bundes­regie­rung, Gutscheine für zukunfts­sichere Glas­faser­anschlüsse schnellst­möglich in ihr Förder­konzept mit aufzu­nehmen und einen Teil der Förder­mittel hierfür zur Verfü­gung zu stellen. „Eine Nach­frage­förde­rung ist ein unver­zicht­barer Baustein zur Errei­chung der Giga­bit­ziele der Bundes­regie­rung“, sagen die Verbands­geschäfts­führer.

Neben den beiden Verbänden, die sich schon seit mehreren Jahren für eine solche Förder­möglich­keit stark machen, hatte auch die Mono­polkom­mission bereits Ende 2017 empfohlen, die Förde­rung durch nach­frage­orien­tierte Instru­mente wie zeit­lich befris­tete Gutscheine für Gigabit-Anschlüsse („Gigabit-Voucher“) zu ergänzen. Auch die EU-Kommis­sion hatte – konkret im Falle von Grie­chen­land – entspre­chende Gutscheine vor kurzem für zulässig erklärt.

Die Gutachter: "Es macht volks­wirt­schaft­lich absolut Sinn, wenn in einem Glas­faser-Ausbau­gebiet so viele Haus­halte wie möglich auch tatsäch­lich ange­schlossen werden und die Digi­tali­sierung Deutsch­lands mit ultra­schnellen Anschlüssen weiter voran­gebracht wird.“

Eine Einschät­zung

In der Tat: Solche Gutscheine wären eine origi­nelle Idee, um etwas Schwung in den Glas­faser­ausbau zu bringen. Die würden einfach an die ange­meldeten Haus­halte im Förder­gebiet geschickt und könnten viel­leicht lang­wierige Förde­rungs­antrags- und Geneh­migungs­verfahren ersetzen. Dem Antrag wäre ein Ausdruck einer Speed­test-Messung beizu­fügen. Aber so einfache Verfahren sind in der Praxis viel zu einfach und haben daher wenig Chancen.

Nur liegen die neu genannten Summen etwa um die Hälfte oder noch nied­riger als man bisher gelesen hat. Selbst wenn es den Prot­agonisten des "eigen­finan­zierten bundes­weiten Glas­faser­ausbaus" weh tut: Die Akzep­tanz von FTTH bei Privat­haus­halten dürfte nur dann gegeben sein, wenn der einma­lige Erst-Anschluss nicht mehr als ein erst­maliger Kupfer­anschluss kostet oder wenn bei neuen Ausbau­gebieten der Erst-Anschluss kostenlos ins Haus gelegt wird. Für 500 Euro wird man niemals eine Leitung von der Straße bis ins Haus bekommen, mit klas­sischem Aufgraben, einer Bohrung oder einem Leer­rohr-Schuss­verfahren. Selbst 1.000 Euro dürften da noch ziem­lich knapp werden. Und für "nur" 150 Euro wird sich kaum eine Glas­faser vom Keller bis zur Wohnung ("inhouse") verlegen lassen. Zumal in Altbauten mögli­cher­weise umfang­reiche Kabel­durch­brüche oder Schlitz­bohrungen oder Aufputz­schienen im Trep­penhaus zu verlegen sind.

Bei Gewerbe- oder Indus­trie­kunden sieht das sicher anders aus: Die brau­chen schnellst­mögli­ches Internet und haben viel­leicht schon entspre­chende tech­nische Vorar­beiten geleistet, damit auf dem Gelände oder inhouse die Glas­fasern zügig zum Anwender gelangen können.


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