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14.07.2019 - 12:10
Altersruhesitz

Die Silver Surfer sind da: Seniorenheime nur noch mit Internet

Ältere wollen auf Kommunikation nicht verzichten

"Wo ist der Airdrop hin", fragt Rose­marie Fischer (81) und streicht über ihren Tablet­computer. "Moment, ich muss die Brille aufsetzen", antwortet Gisela Boss­ecker (95). Schnell haben die Damen im Kasseler Senio­renheim Käthe-Richter-Haus die Tausch­funk­tion gefunden und schieben auf digi­talem Weg Fotos zwischen ihren Tablets hin und her. Doch nicht nur das: Sie schreiben Mails, tele­fonieren, versenden Kurz­nach­richten und spielen. Im Käthe-Richter-Haus ist das kein Problem - die Einrich­tung der Arbei­terwohl­fahrt (AWO) hat kabel­loses Internet.

Laut der Bundes­arbeits­gemein­schaft der Senioren-Orga­nisa­tionen (BAGSO) gehört das Käthe-Richter-Haus noch zu einer Minder­heit in Deutsch­land: Geschätzt ein Drittel der Senio­renheime habe Internet. Man stehe beim Ausbau ziem­lich am Anfang, sagt Nicola Röhricht, BAGSO-Refe­rentin für Digi­tali­sierung und Bildung.

Erste inter­netaf­fine Senioren kommen ins Pfle­gealter

Gefragt: Internet im Seniorenheim

Gefragt: Internet im Seniorenheim
Bild: dpa

Dabei sind sich Verbände und Heim­betreiber einig: Die Bedeu­tung von WLAN und Internet in den Pfle­geein­rich­tungen steigt, weil die ersten inter­netaf­finen Senioren ins Pfle­gealter kommen - nach ihrer Haar­farbe "Silver Surfer" genannt. "Ältere Menschen, die heute schon viel mit digi­talen Tech­nolo­gien umgehen, wollen auch im hohen Alter nicht darauf verzichten", heißt es vom Digi­talver­band Bitkom. Senio­renein­rich­tungen müssten diesen Ansprü­chen gerecht werden.

Ob bei der Wahl des Pfle­geheims künftig Internet zu einem entschei­denden Krite­rium wird, darüber gibt es unter­schied­liche Ansichten. Für die BAGSO ist Nach­frage nicht das wich­tigste Argu­ment: "Der Punkt ist, dass gerade die, die im Heim leben und nicht mehr mobil sind, nicht mehr soviel am Leben teil­nehmen können", sagt Röhricht. Für diese Senioren sei das Internet "das Tor zur Welt".

Die Senio­rinnen im Kasseler Käthe-Richter-Haus sind gute Beispiele - beide sitzen im Roll­stuhl, sind aber virtuell viel unter­wegs. "Ich habe einige Leute, mit denen ich korre­spon­diere", erklärt Fischer. Sie lese auch Zeitung auf dem Gerät und schicke Kurz­nach­richten: "Der Enkel ist zu faul, Mails zu schreiben", erklärt die 81-Jährige.

Auch Gisela Boss­ecker nimmt über das Tablet am Fami­lien­leben teil: Der Schwie­gersohn lebe in Gießen. Sie bekomme Fotos und nutze die Video­tele­fonfunk­tion "Face­time". Dabei ist Boss­ecker erst spät zum "Silver Surfer" geworden - mit 90 fing sie an, sich mit der Technik zu beschäf­tigen.

Ticket für zehn Euro im Monat

Die Nach­frage nach Internet steige, sagt Gerald Fischer, Leiter des Käthe-Richter-Hauses. "Wir merken das vor allem bei Kurz­zeit­pfle­gegästen und bei Menschen, deren Familie weiter ausein­ander­lebt." Nutzungs­beschrän­kungen des Inter­nets gebe es in seinem Haus nicht. Wer ein Ticket für zehn Euro im Monat erwirbt, kann es nutzen, wie er will: online bestellen, Reisen buchen, surfen, TV gucken oder Filme streamen. Letz­teres werde eher selten genutzt - die "Netflix"-Genera­tion ist in den Heimen noch nicht ange­kommen.

Dabei sind es laut BAGSO vor allem Mitar­beiter und Heim­leiter, die die Verbrei­tung von WLAN und Internet voran­treiben. Doch auch Betreiber haben die Zeichen der Zeit erkannt: "Wir erleben bereits, dass die Genera­tion "Silver Surfer" mit Smart­phone, Tablet oder Laptop bei uns einzieht und einen Inter­netan­schluss als wichtig empfindet", sagt Swen Klin­gelhöfer, Spre­cher der AWO Hessen-Süd. Die betreibt 21 statio­näre Pfle­geein­rich­tungen. "Drei unserer Häuser verfügen bereits über ein frei zugäng­liches WLAN." In den nächsten Jahren solle an allen Stand­orten kosten­freies WLAN entstehen.

Im Norden ist man etwas weiter: "Derzeit bieten 16 von 30 unserer Pfle­geheime Inter­netan­schluss für Bewohner an. 2021 wird es zum Stan­dard aller Häuser gehören", erklärt Siegrid Wieder, Spre­cherin der AWO Nord­hessen. Aller­dings sei die Nach­frage sowie die Nutzung von Haus zu Haus unter­schied­lich und trotz Stei­gerung insge­samt noch eher verhalten.

Auch die Ange­stellten benö­tigen Inter­netzu­gang

Auch die Arbeit in den Pfle­geein­rich­tungen kann von WLAN und Internet profi­tieren. Laut der BAGSO werden spezi­elle Ange­bote beispiels­weise zur Beschäf­tigung der Bewohner oder Betreuung Demenz­kranker einge­setzt. Selbst der Austausch medi­zini­scher Daten oder die Vernet­zung mit Gebäude- oder Zimmer­technik ist vorstellbar. "Smar­thome wird ein Thema werden", sagt Einrich­tungs­leiter Fischer.

Um den Fort­schritt in den Heimen zu finan­zieren, gibt es verschie­dene Ideen. Laut Digi­talre­ferentin Röhricht wird in der BAGSO die Forde­rung nach öffent­lichen Förder­mitteln für WLAN und Internet in Senio­renheimen disku­tiert. Auch Finan­zierungs­möglich­keiten über Kranken- und Pfle­gekassen seien eine Idee.

Zu klären sind noch Daten­schutz­fragen der neuen Technik, beispiels­weise wenn Bewohner Sprachas­sistenten wie "Alexa" nutzen. Im Käthe-Richter-Haus hat man die Erfah­rung gemacht, dass die neue Technik nicht nur erfreut, sondern manchmal auch traurig macht. So sei ein Bewohner verstorben - nachdem er seiner Tochter zuvor noch ein Selfie geschickt hatte.


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dpa /

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