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02.02.2020 - 16:04
Reality Check

5G in der Bahn: Berater dämpfen Erwartungen

Netzausbau und mehr Zusammenarbeit notwendig

Alle reden von 5G. Wer darf liefern, wer darf bauen, wird das Netz besser? Von 5G erwarten auch viele Anwender im Schie­nenver­kehr drama­tische Verbes­serungen, beispiels­weise mehr Netz­abde­ckung unter­wegs im Zug.

Das Stutt­garter Bera­tungs­unter­nehmen mm1 dämpft in einer aktu­ellen Studie die vorherr­schende 5G-Euphorie und nennt Voraus­setzungen für einen lang­fris­tigen Erfolg.

Flächen­deckende Versor­gung? Zunächst kaum

Der Reality-Check ergibt, dass alle Schie­nenwege mit mehr als 2000 Fahr­gästen bis zum Jahre 2022 mit 100 MBit/s auszu­bauen sind. Von 5G steht da aber nichts. Ein Ausbau der Bahn­stre­cken mit 3,5 GHz, wo 5G derzeit über­wiegend statt­findet, würde viele neue Sender­stand­orte bedingen, die es noch gar nicht gibt oder die nur sehr teuer auszu­bauen wären. mm1 sieht realis­tisch, dass die Netz­betreiber zunächst erst einmal mit 4G/LTE anfangen werden. Als Totschlag-Argu­ment werden die 6,55 Milli­arden Lizenz­kosten ins Feld geführt, was die "Lust" der Netz­betreiber spürbar gebremst habe.

Die Voraus­sage: "5G wird auf Basis der heutigen regu­lato­rischen Vorhaben und der über­teuerten Frequenz­vergabe an Schie­nenwegen zunächst kaum statt­finden."

5G wird der Bahn nicht automatisch Verbesserungen bringen. Dafür müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden.

5G wird der Bahn nicht automatisch Verbesserungen bringen. Dafür müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden.
Bild: mm1.de

Im Zug: Surfen und Arbeiten wie zu Hause?

Die Erwar­tung: Immense Band­breiten ermög­lichen den Reisenden Surfen und Arbeiten "wie Zuhause".

In der Realität weiß derzeit niemand, wann ange­strebte Peak-Daten­raten von 10 GBit/s im freien Feld tatsäch­lich erreicht werden und wie man diese Band­breite in die Züge bekommt. Durch neuar­tige Glas­scheiben, die weniger dämpfen? Mit neuen leis­tungs­starken Indoor-Repea­tern? Über das bord­eigene heute schon gnadenlos über­lastete WLAN?

Die Voraus­sage: Bestimmte Anwen­dungs­fälle wie etwa das von Reisenden erhoffte HD-Strea­ming werden selbst dort, wo 5G in Deutsch­land (schon) verfügbar ist, zunächst eine Wunsch­vorstel­lung bleiben.

Neue Anwen­dungs­fälle und alles besser?

5G soll voll­kommen neue, bisher nicht reali­sier­bare Anwen­dungs­fälle ermög­lichen.

Die Realität: Zahl­reiche ange­dachte Anwen­dungen lassen sich auch mit bishe­rigen Tech­nolo­gien umsetzen. Die Band­breite von LTE kann mit Small-Cells (kleine Sender mit geringer Reich­weite, aber hoher Band­breite) gestei­gert werden. Die Abde­ckung für IoT-(Internet of Things)-Anwen­dungen könnte durch Low-Cost-Stan­dards wie LoRa, SigFox oder auf LTE basie­rende Schmal­band­verfahren wie NB-IoT oder LTE-M reali­siert werden.

Die Voraus­sage: Merk­liche Verbes­serungen für den Fahr­gast durch 5G und NB-IoT müssen erst noch nach­gewiesen werden.

5G eher ein Traum?

Nein, so mm1, es führt lang­fristig kein Weg daran vorbei. 5G wird erlauben, auf einer kleinen Fläche wesent­lich viel mehr "Kunden" zu bedienen, als es bisher möglich war. Auf 1 km² können 1 Million aktive Endge­räte unter­gebracht werden oder pro Quadrat­meter 10 MBit/s Geschwin­digkeit gelie­fert werden. Wobei "Kunden" oder "Endge­räte" nicht nur Menschen mit einem Smart­phone, Laptop oder Tablet sind, sondern auch jede Menge Sensoren oder Maschinen, die künftig per Funk mitein­ander in Kontakt stehen.

Die Ziele

Ziel sollte ein Hoch­geschwin­digkeits­zugang für Reisende sein. Wunsch ist es, Multi­media-Ange­bote nicht mehr lokal im Zug vorhalten zu müssen und die neuen Systeme zur Echt­zeit­infor­mation von Reise­infor­mation zwischen den Zügen und den Leit­stellen zu nutzen, womit Verspä­tungen noch besser erkannt und Anschlüsse sicher­gestellt oder dem Reisenden alter­native Routen ange­boten werden können. Ein Traum der Sicher­heits-Fans wird auch die Echt­zeit­video­über­wachung aus dem fahrenden Zug sein, soweit das daten­schutz­recht­lich zulässig ist. Und schließ­lich soll 5G auch den Zugbe­trieb sicherer machen, von der Geschwin­digkeits­kontrolle, der auto­mati­schen Notbremse bis hin zur auto­nomen Zugsteue­rung.

Die Voraus­setzungen

Die Bahn verwaltet ein Stre­cken­netz von 33 400 km Länge. Diese Stre­cken müssen massiv ausge­baut werden. Sobald dort 4G vorhanden ist, kann im nächsten Schritt auf 5G hoch­gerüstet werden. Dazu wird eine noch bessere Zusam­menar­beit der Netz­betreiber gefor­dert.

Eine Alter­native könnte "Track­side WiFi", ein terres­trisches WLAN-Netz entlang der Zugstre­cken sein, das in die Züge hinein­reicht, aber auch sehr teuer werden dürfte. Es soll mindes­tens 200 MBit/s bieten, hoch bis zu 1,4 GBit/s.

Es bleibt Hoff­nung: 5G wird kommen. Wir brau­chen nur noch etwas Geduld.

Wer ist mm1?

Die Agentur mm1 (in Stutt­gart und Zürich) besteht aus etwa 100 Bera­tern in Deutsch­land und der Schweiz und ist seit 1997 in der Branche tätig. mm1 sieht sich als "Agentur für Connected Busi­ness".

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