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15.10.2017 - 17:15
Ungleichheit

Editorial: Überwachung schadet

Scheinbar kleine Preise, dennoch wachsende Margen

Die Überwachung schadet

Die Überwachung schadet
Bild: dpa

Nach meinem letzten Editorial zu den Vorteilen der elek­tronischen Überwachung folgt nun die versprochene Gegenrede: Warum schadet die allgemeine Überwachung der Freiheit und der Demokratie?

Autofahrer kennen das Spiel: Tankstellen ändern mehrmals täglich die Preise. An der Tankstelle, an der man morgens auf dem Weg zur Arbeit vollgetankt hat, kostet nachmittags auf dem Weg nach Hause der Sprit fünf Cent weniger. Hätte man mit dem Tanken abgewartet, man hätte ein bis zwei Euro gespart. Wer hingegen nachts zu einer der dann meist nur noch wenigen offenen Tankstellen fährt, "darf" auch mal 10 oder gar 15 Cent mehr pro Liter bezahlen, als derselbe Sprit am nächsten Tag wieder kosten wird.

Bei Billigtickets für Flug und Bahn und bei Hotel­buchungen ist es nicht viel anders: Meist gibt es die genau dann, wenn man sie nicht braucht. Nun passiert das nicht zufällig, sondern, weil die Anbieter das Konsumverhalten der Mehrheit ausgiebig überwachen, und danach ihre Preise optimieren: Verlangt wird genau so viel, wie die Kunden für den Sprit oder die Reise zur jeweiligen Zeit gerade noch bereit sind, zu zahlen. Und so werben Easyjet und Ryanair zwar mit Billig­preisen, machen aber mit den für knappe Flüge verkauften hochpreisigen Tickets inzwischen Milliarden­gewinne.

Die genannte Form der Überwachung des Verbraucher­verhaltens ist auch inflationär. Anbieter, die das Preischen-Wechsel-Dich-Spiel nicht oder nicht weit genug mitgehen, kommen unter die Räder. Meist sind das eher kleinere Anbieter, die sich die nötige Infrastruktur für die Überwachung des Verbraucher­verhaltens nicht leisten können. Die großen Konzerne können so ihre Margen immer weiter steigern.

Google und Facebook wissen, was Sie interessiert, der Händler um die Ecke nicht

Auch Google und Facebook sind in der Lage, das Verhalten der Nutzer intensiv zu überwachen. Selbst die meisten Browser-Plugins für mehr Privatsphäre können diese Portale umgehen, da bei Facebook ohne Login des Users (und damit eine eindeutige Zuordnung) sowieso nicht viel geht, und Google den mit Abstand beliebtesten Web-Browser kostenlos verteilt. Zusammen kontrollieren beide so inzwischen über die Hälfte des Online-Werbemarktes, obwohl von der Zeit, der der Nutzer im Internet verbringt, nur ein viel kleinerer Teil auf Google und Facebook entfällt.

Antidemokratische Tendenzen

Die Liste lässt sich fortsetzen: Parteien richten ihr Stimmenfang-Marketing gezielt auf Wechsel­wähler aus, und schrecken auch nicht mehr davor zurück, ihre Ansprache zu segmentieren: Verschiedenen Wählern werden dann verschiedene Gründe erzählt, warum sie eine bestimmte Partei wählen sollen. Ziel hiervon ist natürlich nicht mehr, einen bevölkerungs­weiten Diskurs über die beste Politik zu führen, sondern nur noch der jeweilige Machterhalt.

Wie die Einheitspartei früher in der DDR die Stasi nutzte, um einen Informations­vorsprung vor oppositionellen Gruppen zu erlangen, und so ihre Macht zu erhalten, ist hinlänglich bekannt. Heute sind die Maßnahmen in vielen Ländern diffiziler, aber deswegen nicht minder wirksam.

Auch die hohen Gewinne, die die in der Konsumenten­überwachung erfolgreichen Konzerne anhäufen, wirken destabilisierend: Werden sie im Unternehmen einbehalten, werden die Gelder dem Wirtschafts­kreislauf entzogen und fehlen dann an anderer Stelle. Zum Ausgleich müssen die Staatsschulden der schwächsten Staaten weiter anwachsen, um frisches Geld in den Wirtschafts­kreislauf einzuspeisen, damit dieser nicht zum Erliegen kommt. Alternativ werden die Gewinne ausgeschüttet, doch dann fließen sie bei den meisten Konzernen jeweils überwiegend einigen wenigen Großaktionären zu und nicht der Allgemeinheit. Damit wird die Ungleichheit verschärft. Die dritte Möglichkeit ist, dass die Gewinne reinvestiert werden - was dann sogar zu noch mehr Überwachung und damit einer weiteren Verstärkung der Destabilisierung führt.

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