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23.02.2019 - 16:20
0G-Netz

Sigfox: Das weltweite Mobilfunk-Netz?

Sigfox suggeriert seinen Kunden globale Abdeckung

Das Internet der Dinge ist das aktu­elle "nächste große Ding". Sensoren, wohin man schaut, die irgendwie ihre Daten und Infor­ma­tionen loswerden wollen. Ist der Glas­müll­con­tainer voll? Ist der Park­platz Nummer 34593 am Bahnhof noch frei? Wie viel Energie haben Müllers in ihrem Wohn­zimmer letztes Jahr "verheizt" ? Wieviel Wasser ist bei Schulzes durch die Leitung geflossen, seitdem sie ihren neuen Swim­ming-Pool nutzen? Alle mögli­chen Geräte ("Devices") möchten Daten über­tragen. Bisher brauchte man dafür ein "Handy" oder wenigs­tens ein "Modem" mit SIM-Karte und Vertrag und dann konnte es per SMS oder Daten­pro­to­koll losgehen. Doch für jede SIM-Karte wollen die Netz­be­treiber Geld haben. SIM-Karten müssen ange­meldet und verwaltet werden - lästig. Wenn viele tausend oder noch mehr Geräte einer Firma funken sollen, geht das irgend­wann ins Geld.

Der "unbe­kannte" Mobil­funk­an­bieter Sigfox

Zusammen mit dem Automobilkonzern PSA hat der Software-Gigant IBM eine Verfolgung für Teilecontainer entwickelt.

Zusammen mit dem Automobilkonzern PSA hat der Software-Gigant IBM eine Verfolgung für Teilecontainer entwickelt.
Foto: Sigfox

Der weithin unbe­kannte Mobil­funk­an­bieter Sigfox bezeichnet sein Netz als "0G-Netz". Es arbeitet auf allge­mein zugäng­li­chen Frequenzen (z.B. 433 oder 860 MHz), die sonst für Auto­schlüssel, Kopf­hörer, WLAN und was auch immer genutzt werden. Die Frequenz­kosten: Null, weil diese Frequenzen in vielen Ländern allge­mein geneh­migt ("zuge­teilt") sind. Genutzt wird eine "Ultra Narrow Band Modu­la­tion", Sigfox braucht nur 200 kHz Band­breite für seine Nach­richten. Jede Nach­richt ist nur 100 Hz "breit" und wird mit 100 oder 600 Bit/s Daten­rate über­tragen. Wohl­ge­merkt: Bits pro Sekunde, ohne Kilo, ohne Mega, einfache einzelne Bits. Die genaue Daten­rate hängt von der jewei­ligen Region ab. Dadurch werden hohe Reich­weiten erzielt und das Signal ist auch noch gegen Störungen durch andere Nutzer ziem­lich immun.

Durch geschickte Verträge hat Sigfox seine kosten­güns­tige Stationen überall verteilt, teil­weise sogar auf Mobil­funk­masten der großen Konkur­renz, etwa bei Telefónica Inter­na­tional und damit auch bei o2 in Deutsch­land.

Hoher Anspruch

SigFox nimmt für sich in Anspruch "in 60 Ländern verfügbar" zu sein, decke ganz Europa ab und will welt­weit eine Milli­arde Menschen errei­chen. Jetzt soll noch ein Satellit dazu kommen und dann werde der gesamte Erdball abge­deckt, das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Dennoch: SigFox exis­tiert. Nur ist es für Außen­ste­hende schier unmög­lich abzu­schätzen, was Wunsch des Marke­tings und was Realität ist. Mehr als 500 Millionen Euro hätten Sigfox und die lokalen Netz­be­trei­bern inves­tiert, um dieses einzig­ar­tige Funk­netz­werk aufzu­bauen, das zugleich auch das Funda­ment für das welt­weit größte IoT-Ökosystem bilden soll. Ende Dezember 2018 ist Polen der Familie der Sigfox-Netz­be­treiber beigetreten, damit sei Sigfox der "einzige Betreiber mit voller euro­päi­scher Abde­ckung".

Die erste Antennen-Instal­la­tion star­tete 2011 in Frank­reich. Heute sind nach Auskunft des Unter­neh­mens 6,2 Millionen Geräte mit dem Sigfox-Netz­werk verbunden, rund 13 Millionen Small-Data-Tele­gramme werden täglich über­mit­telt. Damit stiegen Einnahmen und Umsätze enorm an. Im Jahr 2018 unter­zeich­nete Sigfox wich­tige Verträge mit Unter­nehmen wie Dachser (Spedi­tion), Getrak (Stand­ort­ver­fol­gung), Michelin (Reifen und Mobi­lität), NEC (japa­ni­scher Misch­kon­zern), Netstar (Südafrika), PSA/IBM (Auto­her­steller in Verbin­dung mit IBM) oder Total (Energie und Mobi­lität) für das "Asset-Tracking" (Verfol­gung von wich­tigen Gütern). Damit habe man gezeigt, dass Sigfox eine zu 100 Prozent trag­fä­hige Lösung zur Digi­ta­li­sie­rung einer großen Anzahl indus­tri­eller Güter ist. Auch wich­tige Zulie­ferer der Auto­mobil- und Mobi­li­täts­in­dus­trie wie Alps und LiteOn sind dem Sigfox-Ökosystem beigetreten.

Keine volle Flächen­de­ckung notwendig?

Die Struktur des möglichst einfach aufgebauten Sigfox Netzes. Dadurch ist es extrem kostengünstig.

Die Struktur des möglichst einfach aufgebauten Sigfox Netzes. Dadurch ist es extrem kostengünstig.
Grafik: Sigfox

Dabei scheint für Sigfox eine lücken­lose volle Flächen­de­ckung gar keine Rolle zu spielen. Es reicht wohl in vielen Fällen, wenn das Gerät unter­wegs irgend­wann einmal nur kurz irgendwo eine Sende­sta­tion "erwischt", um darüber kurz "Bescheid" zu sagen.

Sogar die klas­si­schen Mobil­funker sehen Sigfox als "Fall­back-Lösung". Der fran­zö­si­sche Tiefst­preis-Mobil­funker und Fest­netz-Internet-Anbieter "Free", der zur Iliad Group gehört, hat eine FreeBox Delta entwi­ckelt. Das ist eine All-in-One-Konsole für 10 Gigabit-Internet, Tele­fonie, Fern­sehen, Ton und Haus­steue­rung in einer Box. Wohl­ge­merkt: Diese hohen Daten-Geschwin­dig­keiten sind niemals über das Sigfox-Netz zu erzielen! Sigfox bietet nur die Möglich­keit, ein kurzes Daten­te­le­gramm des betrof­fenen Routers ("Ich habe ein Problem", oder "Hilfe, mein Netz ist weg") an eine Service-Leit­stelle zu über­tragen und die Tech­niker zur Repa­ratur hinaus­zu­schi­cken.

Selbst Sicher­heits­un­ter­nehmen wie Secu­ritas haben beispiels­weise 2,8 Millionen Alarm­mel­dungen über das Sigfox-Netz­werk abge­setzt.

Sigfox legt Details offen

Mehr als 200 Univer­si­täten und Entwick­lungs­partner sowie mehr als 1.200 Star­tups entwi­ckeln offenbar auf Basis der wirk­lich einfa­chen Sigfox-Tech­no­logie Geräte und Anwen­dungen für möglichst viele Menschen, teilt Sigfox stolz mit. Nach der aktu­ellen Offen­le­gung der Spezi­fi­ka­tionen für Sigfox-Geräte sei die Sigfox-Tech­no­logie "demo­kra­ti­siert" worden. Damit sollen Lösungen entwi­ckelt werden, um all das anzu­binden, was bislang nicht ange­bunden werden konnte.

Die Welt allein ist nicht genug

Doch soviel Erfolg scheint den Machern immer noch nicht zu reichen. Bis Ende 2023 will das Unter­nehmen eine Milli­arde Geräte an sein "globales 0G-Netz" anschließen. Dazu steht die "stra­te­gi­sche Expan­sion" in die Länder Indien, Russ­land und China auf der Agenda.

In Zusam­men­ar­beit mit Eutelsat will Sigfox im zweiten Halb­jahr 2019 seinen ersten Satel­liten testen: Der kommer­zi­elle Start der ‚ELO‘-Konstel­la­tion steht 2020 auf der Agenda. Die Idee: Den gesamten Planeten unter einem einzigen Dach abzu­de­cken und zwar durch eine einfache und leis­tungs­starke Kombi­na­tion aus Boden- und Satel­li­ten­netzen. Dabei müsste das "Sigfox-Ökosystem" und die bereits verteilten Geräte nicht verän­dert werden, verspricht Sigfox.

Es sei heute kein Traum mehr, Vermö­gens­werte über Konti­nente hinweg mit Trackern zu verfolgen, die nur ein paar Dollar kosten und jahre­lange Auto­nomie bieten, schreibt Sigfox weiter. Es ist bereits Realität. Nur ein "globales 0G-Netz­werk" könne diese Leis­tung erbringen.

Und der Wett­be­werb?

Die klas­si­schen Mobil­funker sind beim Thema IoT auch nicht untätig. Sie nutzen die LTE-Netze mit den Proto­kollen "NB IoT" mit höherer Reich­weite und gerin­geren Frequenz-Band­breite oder LTE-M, wenn etwas mehr Daten zu über­tragen sind, zumeist auf 800 MHz. Der Vorteil der "klas­si­schen" Lösung: Die Geräte sind wie ein normales Handy im Netz einge­bucht und bei Bedarf auch zuver­läs­siger für "Rück­fragen" erreichbar. Weiterer Vorteil: LTE NB-IoT oder LTE-M sind inter­na­tional genormt. Der Kunde kann sich daher den Netz­be­treiber oder Diens­te­an­bieter frei auswählen. Der Nach­teil: Die Preise pro Endgerät und SIM-Karte (oder eSIM) liegen offenbar deut­lich höher.

Der Vorteil der Sigfox-Lösung: Sie scheint unglaub­lich billig zu sein. Der Nach­teil: Es ist ein proprie­tärer Stan­dard, der nur mit dem Sigfox-Netz funk­tio­niert. Will der Kunde den Anbieter wech­seln, braucht er wohl neue Endge­räte.


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