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05.02.2020 - 18:16
Dramatisch

Hessen: Mangelhafter Breitbandausbau im Funkloch-Land

Bürgermeister lehnen Ausbau durch Privatfirmen ab

"Das Bundes­land Hessen ist ein Funk­loch-Land". Zu diesem absolut zutref­fenden Fazit kommt ein Beitrag in der TV-Sendung "defacto" des Hessen­fern­sehen (HR), welcher in diesen Tagen ausge­strahlt wurde und noch in der Media­thek abge­rufen werden kann.

Länd­liche Regionen in Hessen: Nicht versorgt

Ein vollausgebauter Mobilfunkmast, mit Antennen von Telekom, Vodafone und o2 und Richtfunkspiegeln. In Hessen wären die Bürger froh, wenigstens 1 Netz zu empfangen.

Ein vollausgebauter Mobilfunkmast, mit Antennen von Telekom, Vodafone und o2 und Richtfunkspiegeln. In Hessen wären die Bürger froh, wenigstens 1 Netz zu empfangen.

In Hessen gibt es nach wie vor etliche Funk­löcher: Handy­verbin­dungen reißen ab oder sind gar nicht möglich, insbe­sondere in den länd­lichen Regionen. Der Grund ist immer der gleiche: Es fehlt an Funk­masten über­haupt und es gibt zu viele tech­nisch veral­tete Anlagen mit maximal 2G (GSM). Oder es gibt einen Funk­masten des digi­talen Behör­denfunks (BDBOS), aber es fehlt vor Ort eine "Verbin­dung" zwischen Telekom, Voda­fone oder Telefónica und der Bundes­anstalt, um gemeinsam Stand­orte zu nutzen.

Deshalb hatte die Hessi­sche Landes­regie­rung sich eine (partei­lose) Digi­talmi­nisterin einge­stellt. Die frühere Unter­nehmerin Kris­tina Sinemus (parteilos) hatte 2018 erklärt, sie wolle für 800 neue Mobil­funk­masten sorgen und 4000 Anlagen moder­nisieren. Dafür wurde auch richtig viel Geld bereit gestellt. Doch der Ausbau geht trotzdem nur "schlep­pend" voran.

Die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (parteilos) möchte den Breitbandausbau schneller voranbringen.

Die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (parteilos) möchte den Breitbandausbau schneller voranbringen.
Foto: Picture Alliance / dpa

Ein Grund für den nach wie vor lang­samen Mobil­funk­ausbau sind die langen Geneh­migungs­verfahren. In Hessen kann es zwei bis acht Monate dauern, bis der Bau eines neuen Mobil­funk­mastes geneh­migt ist, antwor­tete das Wirt­schafts­minis­terium auf eine Anfrage der FDP-Frak­tion im Hessi­schen Landtag.

Offenbar gibt es noch einen anderen Grund: Die Tele­kommu­nika­tions­unter­nehmen scheuen oft die hohen Inves­titi­onskosten auf dem platten Land, wo zu wenig Kunden leben, die in dem dann ausge­bauten Netz für notwen­dige Einnahmen sorgen würden, vermutet Wolf­gang Pauler vom Magazin "Chip" in der glei­chen TV-Sendung.

Deshalb wollten die Grünen im Bund ein Recht auf Mobil­funk durch­setzen und die Tele­kommu­nika­tions­unter­nehmen zum Ausbau der Netze verpflichten.

TV-Sendung berichtet aus den Funk­löchern vor Ort

Die Macher der TV-Sendung haben sich auf dem Land umge­schaut und verär­gerte Einwohner und Rettungs­kräfte getroffen. Rettungs­einsätze werden zu abso­luten Aben­teuern, wenn stel­lenweise selbst der staat­liche digi­tale Rettungs­funk nicht empfangbar ist. "Dann müssen wir Passanten bitten, weiter zu fahren, bis sie wieder Netz haben und für uns die Leit­stelle anzu­rufen", berichtet ein Rettungs­sani­täter vor laufender Kamera. Am Wochen­ende müssen Disco-Besu­cher erst einmal 500 Meter durch die Dunkel­heit laufen, bevor Sie wieder Netz bekommen, um ein Taxi oder Freunde fürs Heim­fahren errei­chen können.

Vom ISDN-Fest­netz zu Keinem-Netz

Doch damit nicht genug: Aus Sicht der betrof­fenen Kunden "zerstöre" die Telekom mutwillig eine an sich bestens funk­tionie­rende Fest­netz-Telefon-Infra­struktur, weil sie lieber gestern wie heute die als "veraltet" geltende ISDN-Technik loswerden will. Als Alter­native werde "Tele­fonieren über IP" ange­boten, auch wenn die Kabel­länge zwischen Telekom-Verteiler und dem Kunden für eine stabile IP-Verbin­dung oft viel zu lange sei. Die Telekom hingegen wider­spricht in ihrem Blog deut­lich: Oft sei die IP-Verbin­dung besser. Und der Kunde habe die Möglich­keit, einen anderen Anbieter zu wählen, beispiels­weise über Satellit. Letz­teres kann aufwendig und noch teurer werden. Ob es funk­tioniert wie gewünscht, ist auch nicht unbe­dingt gesagt.

Egal, wer nun recht hat: Die Folgen sind fatal. Die Leute können gar nicht mehr oder nicht mehr zuver­lässig tele­fonieren. Das kann im Extrem­fall sehr gefähr­lich werden, wenn beispiels­weise der Haus­notruf nicht mehr funk­tioniert. Die berich­teten Fälle sind kein Einzel­fall, nicht nur in Hessen, sondern auch bundes­weit gibt es diese Probleme.

Anhand von Beispielen und nach Recher­chen von teltarif.de zeigt sich folgendes Bild: Der notwen­dige Netz­ausbau vor Ort kommt manchmal selbst im Fest­netz nicht recht­zeitig zu Stande, weil private Anbieter diverse Kabel­verzweiger (KvZ) "reser­viert" haben, dann aber mit dem geplanten Ausbau nicht recht­zeitig in Gang kommen oder längst andere Pläne haben, die Reser­vierungen aber (noch) nicht zurück­gegeben haben.

Götel "blockiert" Telekom-Verteiler?

Im Gebiet des Vogels­bergs sind beispiels­weise die Kabel­verzweiger von der Firma Götel aus Göttingen (Mitglied im BREKO) "reser­viert". Bevor das Unter­nehmen Götel Glas­faser ausbauen kann, wird eine Zustim­mungs­quote im Ort von 60 Prozent oder mehr gefor­dert.

Sprich: 60 Prozent der örtli­chen Haus­halte müssen verbind­lich einen Glas­faser­anschluss (FTTH) bestellt haben, bevor die Bagger rollen und über­haupt ausge­baut wird. Das ist aus wirt­schaft­lichen Gründen nach­voll­ziehbar, aber die Anwohner vor Ort fühlen sich dabei absolut über­fordert ("Was brauch ich 1 GBit/s für 80, 90 oder 100 Euro im Monat?"). Werden es weniger, wird Götel dort nichts bauen.

Bürger­meister fordern Ausbau durch die Telekom

Im Vogels­berg­kreis haben sich Bürger­meister und Gemein­deräte mit großer Mehr­heit dafür ausge­spro­chen, dass die Telekom ausbauen soll. Die darf das aber nur tun, wenn sich kein anderer privater Anbieter findet.

Die betrof­fenen Gemeinden und ihre Anwohner sind sauer, weil sie befürchten, dass am Ende gar niemand baut. Die Telekom würde wohl mit klas­sischem Vecto­ring (FTTC = Glas­faser bis zum Kasten an der Straße) ausbauen, weil sich die örtli­chen Bewohner mit den dabei maximal mögli­chen 250 MBit/s "bestens versorgt" fühlen. Für Gewer­betrei­bende, die in ausge­wiesenen Gewer­bege­bieten ange­siedelt sind, soll es aber auf jeden Fall echte Glas­faser bis ins Haus oder Gebäude geben. Irgend­wann einmal.

Eine Einschät­zung

Je tiefer man sich in die Materie einar­beitet, desto höher steigt der Frust, warum der Netz­ausbau in einem Dschungel von Zustän­digkeiten und "lieb gemeint" nicht voran kommt.

Wenn die Telekom aus wirt­schaft­lichen Gründen die störungs­frei funk­tionie­rende ISDN-Technik abkün­digt, solange keine wirk­lich funk­tionie­rende Alter­native vor Ort geboten werden kann, sind Betrof­fene zu Recht erbost und verzwei­felt. Einen (erwünschten) Neben­effekt scheint es zu haben. Mancher­orts wird der vorher schlep­pende Netz­ausbau "über Nacht" beschleu­nigt, wenn sich örtliche oder über­regio­nale Presse einschalten oder die Kameras des Fern­sehens auftau­chen.

Private Unter­nehmen können die gigan­tischen Ausbau-Aufgaben alleine kaum stemmen. Doch staat­liche Förde­rung schnell und zuver­lässig dorthin zu bekommen, wo sie gebraucht wird, scheint ebenso schwierig bis unmög­lich zu sein. Je schneller eine scho­nungs­lose Bestands­aufnahme der Lücken und der exakten Baukosten für ihre Besei­tigung gemacht wird, desto schneller kann eine Ausschrei­bung erfolgen, um diese Funk- und Versor­gungs­löcher ein- und für allemal zu schließen.

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